020 – In wachsenden Ringen

von | 1. August 2026

Ich befinde mich zur Zeit in einem sehr spannenden persönlichen Prozess und beschäftige mich auch viel mit den Gedichten von Rainer Maria Rilke, deren tiefe Weisheit mich immer wieder berührt.
Daher möchte ich heute eines meiner Lieblingsgedichte „Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen“ mit Dir teilen und Dich sehr herzlich einladen, Dir Deine ganz eigenen Gedanken dazu zu machen.

Es widmet sich der Suche nach dem Sinn des Lebens sowie der persönlichen Entwicklung des Menschen, die sich wie immer größer werdende Kreise fortlaufend entfaltet. Durch seine wunderbar bildhafte und metaphorische Sprache regt es dazu an, über das Verhältnis zwischen dem Individuum und dem „großen Ganzen“ sowie über den eigenen Lebensweg nachzudenken.

Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen

Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen,
die sich über die Dinge ziehn.
Ich werde den letzten vielleicht nicht vollbringen,
aber versuchen will ich ihn.

Ich kreise um Gott, um den uralten Turm,
und ich kreise jahrtausendelang;
und ich weiß noch nicht: bin ich ein Falke, ein Sturm
oder ein großer Gesang.

Rainer Maria Rilke, 1903
 

Ich verstehe dieses Gedicht als eine Einladung, den eigenen Lebensweg nicht als geradlinige Entwicklung, sondern als einen fortwährenden Prozess des Wachsens zu betrachten. Die „wachsenden Ringe“ stehen für Erfahrungen, Erkenntnisse und innere Reifung, die sich mit der Zeit erweitern und so zu einem Teil eines größeren Ganzen werden.

Aus einer traumasensiblen Perspektive berührt für mich das Gedicht einen Gedanken, der uns Menschen sehr viel Hoffnung schenken kann.
Nämlich, dass Entwicklung meist nicht in großen Schritten oder nach einem planbaren Konzept geschieht.
Manchmal zeigt sie sich einfach nur leise darin, den eigenen inneren Raum sanft zu erweitern, neue Erfahrungen zuzulassen und dabei die eigenen Grenzen zu achten.
Wachstum bedeutet nicht, Vergangenes hinter sich zu lassen, sondern es achtsam in die eigene Lebensgeschichte zu integrieren.

Besonders berührt mich die Zeile „Ich kreise um Gott, um den uralten Turm“.
Sie vermittelt das Bild einer Orientierung, die nicht von Kontrolle oder Perfektion geprägt ist, sondern von Vertrauen und Verbundenheit.
Das „Ich“ im Gedicht muss nicht wissen, ob es sein Ziel erreichen wird. Es bleibt in Bewegung und erlaubt sich, den Weg Schritt für Schritt zu gehen.
Gerade für Menschen, die belastende Erfahrungen gemacht haben, kann darin die tröstliche Botschaft liegen, dass nicht jede Frage sofort eine Antwort braucht und nicht jeder nächste Schritt bereits das endgültige Ziel kennen muss.

Auch das offene Ende des Gedichts – „Ich glaube, ich kreise seit Jahrtausenden“ – erinnert mich daran, dass Identität kein fertiger Zustand ist.
Wir müssen nicht schon wissen, wer wir am Ende sein werden. Es genügt, den eigenen Weg achtsam, neugierig und mit Mitgefühl für sich selbst weiterzugehen.

Für mich ist Rilkes Gedicht eine Herzenseinladung dazu, Entwicklung nicht als Leistung, sondern als lebendigen, individuellen Prozess zu verstehen.
Es ermutigt dazu, dem eigenen inneren Rhythmus zu vertrauen und anzuerkennen, dass jeder Mensch seine ganz eigenen Kreise zieht – in seinem Tempo und im Vertrauen, dass sich mit der Zeit ein größerer Zusammenhang erschließt.

 

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